Die Geschichte
der Evangelischen Schule Brig

Mit dem Einzug der Eisenbahn ins Wallis, mit dem Bau des Simplontunnels, der Verbindung durch den Lötschbern und mit der Ansiedlung der chemischen Industrie in Visp gelangten viele Protestanten ins Wallis.

Die ersten Zeilen im Protokoll der Generalversammlung vom 04.09.1906

Die evangelisch reformierte Kirchgemeinde Brig gab sich 1906 die ersten Statuten, besass aber zu diesem Zeitpunkt weder ein eigenes Gotteshaus noch irgend welche andere Gebäulichkeiten. Dennoch finden wir schon damals in der reformierten Bevölkerung die ersten Bestrebungen, ihren Kindern eine Schulausbildung nach liberaler, konfessionell-neutraler Auffassung zu bieten.

Dadurch ist es bereits 1912 gelungen, einen eigenen Kindergarten mit rund 40 Kindern ins Leben zu rufen, der im alten Zollgebäude des Bahnhofs Unterkunft fand und durch den reformierten Frauenverein betreut wurde. Der erste Weltkrieg verzögerte vorerst den Ankauf und Ausbau des ehemaligen Spitals von der Simplontunnelbaugesellschaft durch die evangelisch reformierte Kirchgemeinde.

Aber 1919 war das denkwürdige Jahr der Einweihung einer eigenen Evangelischen Kirche in ebendiesem Gebäude. Darin finden sich noch heute die Räumlichkeiten unseres Kindergartens. Der Wunsch zur Schaffung einer eigentlichen Schule war in der Zwischenkriegszeit ständig spürbar. An seine Erfüllung war wohl in den wirtschaftlich schwierigen und vor allem in den Kriegsjahren kaum zu denken. Die damals krassen Unterschiede zwischen dem Schulsystem des Kantons Wallis und den Schulen der Herkunftsorte der zugezogenen reformierten “Ausserschweizer” liessen bei den initiativen Gemeindemitgliedern, unter Führung einer ab 1944 tätigen Kommission, den Wunsch nach Eigenständigkeit zum konkreten Schulkonzept werden.

Es darf hier betont werden, dass die Gemeindebehörden von Brig und die staatlichen Instanzen dem Projekt Verständnis entgegenbrachten und eine finanzielle Unterstützung zusicherten. Die Eröffnung der Schule fiel auf den 25. August 1947 . Durch Herrn Würgler, den ersten Lehrer, konnten 21 Kinder, verteilt auf die 1.-5. Klasse, übernommen werden. Der rasche Anstieg auf 40 Kinder machte bald die Aufteilung auf zwei Abteilungen (1.-3. Klasse und 4.-9. Klasse) notwendig. Dazu wurde von der Gemeinde ein Raum im Stockalperschloss zur Verfügung gestellt. Die Schule deckte zu dieser Zeit die gesamte obligatorische Schulpflicht ab und unterrichtete voll nach dem Bernischen Lehrplan. Die Bezahlung der Lehrkräfte, der Lehrmittel und der Infrastruktur war nur mit der umfassenden Finanzierung durch die Bernischen Hilfsvereine möglich. Planung und Bau eines eigenen Schulhauses stellt aus heutiger Sicht eine echte Pioniertat dar. Nur dank der verschiedensten Geldquellen und dem immensen Einsatz der damals Verantwortlichen war der Neubau möglich, der am 12. April 1953 eingeweiht werden konnte. Die Baukosten von rund Fr. 155’000.- konnten dank einer grosszügigen Reformationskollekte auf Anhieb abgedeckt werden.

Im Jahre 1962 wurde im Kanton Wallis ein für die Sechzigerjahre fortschrittliches Schulgesetz rechtskräftig. Darin werden die Schulen der Evangelischen Kirchgemeinden den öffentlichen Schulen gleichgestellt. Dies brachte einerseits eine grosse Entlastung im finanziellen Bereich, wurden doch künftighin insbesondere die Lehrergehälter voll durch die öffentliche Hand bezahlt. Andererseits vollzog sich schrittweise eine Ablösung vom bernischen Unterrichtssystem. Der Lehrplan musste so gestaltet werden, dass den Schülerinnen und Schülern der Übertritt an die weiterführenden Schulen im Kanton auch zukünftig möglich war. Mit der Anpassung an die neue Schulumwelt beschränkte sich die Evangelische Schule Brig auf die Führung einer Primarschule bis zur 6. Klasse. Das sich anbahnende, bessere gegenseitige konfessionelle Verstehen auf katholischer wie auf reformierter Seite hatte zur Folge, dass zunehmend auch Kinder katholischer Eltern unsere Schule besuchten. Waren dies anfänglich Einzelfälle, ist heute der Anteil katholischer Kinder auf 40-50 % angewachsen. Die konfessionelle Öffnung der Evangelischen Schulen ist durch entsprechende Anpassungen in der Kirchenverfassung und der Kirchenordnung der Evangelisch-reformierten Kirche des Wallis abgestützt.

Ab 1988 wurde eine Phase der baulichen Verbesserungen unserer Infrastrukturen eingeläutet. Als kleine Schule war man seit jeher auch gewöhnt mit beschränkten Platzverhältnissen zu leben und zu unterrichten. Mit der Ausweitung des Schulbetriebes auf den koedukativen Handarbeits- und Werkunterricht, eines erweiterten Musikunterricht in der 5./6. Klasse und neu auch partiell in der 3./4. Klasse sowie der vermehrten Einführung neuer Unterrichtsformen und nicht zuletzt der Einsatz audiovisueller Hilfsmittel (und heute auch PC) in der Unterrichtsgestaltung haben das Bedürfnis nach mehr Schulraum verstärkt. Nach ersten Vorabklärungen wurde 1989 ein erstes Projekt für einen neuen Schulpavillon ins Auge gefasst und technisch als grundsätzlich machbar befunden. Es war jedoch von Anbeginn an klar, dass ein solches Vorhaben nur mit einer gesicherten Finanzierung anzugehen war. Die Suche nach möglichen Geldgebern erwies sich als recht erfolgreich, so dass 1990 die Einholung von Offerten gestartet werden konnte. Die definitive Bauabrechnung ergab Kosten von Fr. 516’400.-. Der Staat Wallis beteiligte sich mit Fr. 98’700.-, die Gemeinde Brig mit Fr. 69’000.-. Ausserordentlich erfreulich war, dass der Berner Oberländer Hilfsverein uns mit einem nicht rückzahlbaren Darlehen von Fr. 50’000.-, die Synode der ERKW mit einem auf fünf Jahre zinslosen Darlehen von Fr. 80’000.- und diverse Bernische und Zürcherische Hilfsvereine mit Fr. 25’000.- zum eigentlichen Durchbruch verhalfen. Die restlichen Geldmittel mussten durch Spenden von Fr. 191’700.- und durch ein IHG-Darlehen (IHG=Investitions-Hilfegarantie, zinslos auf 15 Jahre) aufgebracht werden. Die Amortisation der Restschuld (Stand April 1997 Fr. 162’000.-) wird über die Schulrechnung und durch Anpassung der Schulgelder gewährleistet. Das Gebäude konnte im Rohbau auf das Jahresende 1991 bereits errichtet werden. Es enthält ein Klassenzimmer nebst Garderobe, Abstellraum und WC. Im Dachstock konnte ein zusätzlicher Raum gewonnen werden der sich als vom Schulraum abgetrennter Arbeitsraum nutzen lässt. Die Bodenverhälnisse haben es ermöglicht, dass das Gebäude (entgegen dem ursprünglichen Projekt) mit relativ geringen Mehrkosten unterkellert werden konnte. Der Ausbau des Kellers im Untergeschoss des Pavillons zu einem Werk- und Mehrzweckraum erwies sich als sehr zweckmässig, obschon dadurch unser Baubudget zusätzlich belastet wurde. Der Raum wird heute in mehrfacher Weise für Werken und Handarbeiten, als Sitzungszimmer (Schulkommission), für Elternveranstaltungen und allenfalls auch durch die Kirchgemeinde genutzt.

Die 3./4. Klasse konnte im Frühjahr 1992 ihr allzu knapp bemessenes Klassenzimmer verlassen und im neuen Pavillon Platz nehmen. Damit sollten unsere Raumprobleme weitgehend beseitigt sein und einem effizienten, fruchtbaren und für alle Kinder möglichst optimalen Schulbetrieb steht nichts mehr im Wege. Nach dem Bezug des Pavillons wurde der Ausbau des Kindergartens im Untergeschoss der Kirche an die Hand genommen. Die Raumvergrösserung war möglich, da es gelang das freiwerdende Klassenzimmer der 3./4. Klasse in das Raumkonzept einzubeziehen. Der Einbau einer Kochgelegenheit ermöglicht auch die Zubereitung einfacher Mahlzeiten, was im Rahmen unserer Modells mit Blockzeiten von Bedeutung ist.

Ab 1995 bewegte sich die Schule in einer Phase der konzeptionellen und ideellen Neuausrichtung. Aus einem als Arbeitspapier gestalteten Leitbild wurden Aktionspläne abgeleitet, Es ergaben sich daraus insbesondere erste Ansätze zur vermehrten Einbindung der Eltern insbesondere in die Organisation von schulischen Anlässen, eine Verstärkung der Lehrerteamarbeit und eine Reihe von Schulentwicklungsprojekten. (u.a. Erweiterung der Elternmitarbeit, Vertiefung Lehrerteamarbeit, Blockzeiten, Ausbau erweiterter Musikunterricht)

Im Jahre 1997 konnte die Schule ihr 50- Jahr Jubiläum begehen. Dieser runde Geburtstag wurde anlässlich des Schulschlussfestes unter Teilnahme von, Kirchgemeinde u. Schulbehörde sowie Vertretern von Gemeinde und Kanton und ausserkantonalen Gästen eingehend gefeiert.

Nicht unwesentlich für die Stärkung der Identität der Schule war das neue Logo, entstanden aus einem Ideenwettbewerb. Dieses verbindende Element begleitet anhin alle Aktivitäten und bestärkt die familiäre Gemeinsamkeit.

Mit der Neukonzeption der WEB-Seite der Schule im Jahre 2001 (www.evangelischeschule-brig.ch / Info@evangelischeschule-brig.ch) und der Zuteilung von E-Mail-Adressen an die Schüler schaffte die Schule die Anbindung an den Standard modernster Kommunikationstechnik

Die Ausdehnung des erweiterten Musikunterrichts mit wöchentlich 5 Lektionen Musikunterricht auf alle Klassen der Primarschule bewährte sich und wurde zusätzlich mit Rythmikunterricht auf Stufe Kindergarten ergänzt. Dadurch konnte die musische und kulturelle Erziehung der Kinder erweitert werden ohne den Unterricht in den anderen Fächern grundsätzlich zu beschneiden.

Infolge der hohen Schülerzahl in der 1./2. Klasse im Jahre 2002 entschied sich die Schulkommission zu einer vorübergehenden Umfunktionierung des Werkraumes im Pavillon in ein Klassenzimmer. Dazu waren der Einbau eines zusätzlichen Fensters auf der Nordseite und die Einrichtung einer Garderobe notwendig. Für den Werkunterricht konnte in Zusammenarbeit mit der Schuldirektion Brig eine Lösung im Schulhaus Hellmatten gefunden werden.

Für das ältere Schulhaus, ergab sich nach rund fünf Jahrzehnten die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Sanierung. Zusätzlich stellte sich die Frage eines Ausbaus der Klassenräume für die 1./2. U. 3./4. Klasse und der Schaffung von zusätzlichem Raum für die bessere Abdeckung von bestehenden und zukünftigen Bedürfnissen. Im Vordergrund stunden eine Bereicherung des Unterrichts mit Mitteln der Informatik, bessere Möglichkeiten für die pädagogische Schülerhilfe, die Verstärkung des erweiterten Musikunterrichts sowie der Möglichkeiten zur Pflege von Werkstatt/Planunterricht für die Entwicklung einer eigenständigen Lerntechnik der Kinder.

Seitens der Kirchgemeinde wuchs gleichzeitig das Bedürfnis zur Erstellung eines zeitgemässen Kirchgemeindesaals. Hierzu bot einzig die Räumlichkeit des Kindergartens unterhalb der Kirche eine vernünftige Option.

Das Projekt für eine Erweiterung und Renovation des alten Schulhauses wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Kirchgemeinderat vorangetrieben. Durch die Zuteilung der Reformationskollekte und dem Eingang namhafter Spenden konnte die Finanzierung der Bauvorhaben gesichert werden. Auch eine durch die Schule in Eigenregie geführte Sammelaktion ergab eine Summe von rund Fr. 78’000.- an Spendengeldern.

Der 12. Juni 2004 war der Tag der (Wieder)- Einweihung des „alten“ Schulhauses, das sich in neuem Glanze den Festteilnehmern aus nah und fern präsentierte. Es war ein Tag der Freude und Genugtuung über ein gelungenes Projekt aber auch die Gelegenheit für das gegenseitige Kennen lernen und Wiedersehen.

Es darf an dieser Stelle nochmals allen gedankt werden, die in irgendeiner Weise zum Gelingen des Bauprojektes beigetragen haben und/oder mithalfen diese Einweihungsfeier mitzugestalten. Möge der gute, zuversichtliche Geist, der diesen Anlass prägte auch eine Basis bilden für den zukünftigen Weg den die Evang. Schule Brig gehen wird.

Eine grundsätzliche Zäsur in der weiteren Geschichte ergab sich ab 2003 als das Erziehungsdepartement des Kantons Wallis erstmals die Berechtigung der Evangelischen Schule als eigenständige Institution in Frage stellte. Klar begründet wurde diese Meinungsänderung des Departementes nicht. Fakt ist aber dass, infolge der in der Region stark gesunkenen Schülerzahlen, politische Gemeinden über die Abwanderung „eigener“ Kinder an die Evang. Schule bei der Behörde Beschwerde einlegten.

An die Stadtgemeinde Brig erging der Auftrag, Wege zu suchen, die zu einer Anbindung resp. Integration der Evang. Schule in die Organisation der Stadtschulen von Brig ermöglichen könnten. Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Vertretern der Schulbehörden von Brig, der Evang. Schule und der Evang.-Ref. Kirchgemeinde nahm sich dieser Aufgabe an. Als Resultat der eingehenden und teilweise kontrovers geführten Diskussionen und Arbeitssitzungen ergab sich eine Vereinbarung zwischen der Evang.-Ref. Kirchgemeinde Brig und der Stadtgemeinde Brig.Glis. Diese regelt im Wesentlichen die Weiterexistenz der Evang. Schule als eigener Schulkreis innerhalb der Briger Schulen. Dadurch verliert die Schule ihre bisher selber verwaltete Autonomie kann aber andererseits von einer finanziellen Entlastung profitieren da die politische Gemeinde neu Kosten übernimmt, die früher selber getragen werden mussten.

Die Evangelische Schule Brig wurde ab Inkrafttreten dieser Vereinbarung (01.01.2005) als Organisationseinheit in die öffentlichen Schulen von Brig-Glis integriert und der Schuldirektion der Gemeinde Brig-Glis unterstellt. Grundsätzlich wird dadurch die Evangelische Schule gleich behandelt wie die anderen öffentlichen Schulen der Stadtgemeinde Brig-Glis. Um aber die historische Entwicklung und die dadurch gewachsene Identität dieser Schule gebührend zu werten, werden ihr die folgenden besonderen Zugeständnisse gemacht:

  • Die Evangelische Schule bleibt weiterhin der Tradition der bisherigen Evangelischen Schule und der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde verpflichtet.
  • Sie erhält eine zugesicherte Vertretung der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Brig in der Schulkommission der Stadtschulen.
  • Sie bekommt die Zusicherung – trotz der unmittelbaren Nähe zum Schulkreis Brig – in der Primarschule eine Mehrklassenschule führen zu dürfen, welche sich auf einen eigenen Kindergarten stützen kann.
  • Der Unterricht findet weiterhin in den von der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten statt.
  • Kinder reformierter Konfession werden der Evangelischen Schule zugeteilt, soweit die Eltern nicht anders entscheiden.
  • Die Schule hat Anrecht auf eine Schulkreisleiterin, einen Schulkreisleiter, welcher vorrangig den Auftrag erhält, die besondere Identität der Evangelischen Schule zu bewahren.
  • In der Ausschreibung für die Anmeldung von Kindern ist der Schulkreis Evangelische Schule explizit aufgeführt.

Die Vereinbarung mit der Gemeinde Brig eröffnet für die Schule den Weg in eine Zukunft, die deren Identität und Fortbestand gewährleistet und anderseits für Eltern und Kirchgemeinde eine finanziell tragbare Lösung bietet. Die Schule versteht sich weiterhin als ergänzendes Element in der Schulregion Brig. Sie soll einerseits die Bedürfnisse der reformierten Eltern und Kinder abzudecken versuchen, anderseits aber allen interessierten Eltern offenstehen, die sich eher eine kleine überschaubare Schule mit familiärem Charakter wünschen.

Quellen: Protokolle und Unterlagen aus dem Archiv der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Brig; Vortrag von Herrn H. Wirz (1960); Jahresberichte Evang. Schule Brig; Protokolle SK-Sitzungen; GESCHICHTE DER EVANGELISCHEN SCHULE BRIG

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